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Erstmals verabschiedete der Presserat 1994 mehr Stellungnahmen, die er aus eigenem Antrieb aufgegriffen hatte, als solche, die von aussen an ihn herangetragen worden waren. Nach wie vor ist zwar der Eingang der Beschwerden lebhaft, namentlich aus der Westschweiz, und die Zahl der in dieser Sammlung abgedruckten Stellungnahmen ist natürlich geringer als die Zahl der Beschwerden überhaupt, sei es, dass Fälle noch hängig sind, sei es, dass sie bloss brieflich erledigt wurden. Aber von den elf verabschiedeten Stellungnahmen entspringen sechs der Initiative des Presserates. Darunter befinden sich die vier gewichtigsten Fälle des Berichtsjahres: Beschränkung der Pressefreiheit durch vorsorgliche Massnahmen, Veröffentlichung vertraulicher Informationen, Namensnennung bei der Gerichtsberichterstattung und Boykott der Medien durch die werbende Wirtschaft.
Der Charakter dieser Stellungnahmen verweist auf die zwei Hauptstossrichtungen der Arbeit des Presserates: Auf der einen Seite setzt er sich ein für einen fairen Umgang der Medien mit den von ihnen dargestellten Akteuren und Betroffenen und mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Auf der anderen Seite engagiert er sich für eine möglichst uneingeschränkte Pressefreiheit. Der Presserat versteht sich eben zugleich als Anwalt des Publikums gegenüber den Medien und als Anwalt der Medien gegenüber Politik, Justiz und Wirtschaft. Darum misst er der Recherchierfreiheit und dem Zeugnisverweigerungsrecht ebenso grosses Gewicht bei wie dem Persönlichkeitsschutz. Die Berufsethik verlangt beides: dass die Wahrheit ans Licht kommt und dass niemand psychisch „hingerichtet" wird. Der Presserat möchte, dass sich die Redaktionen beide Anliegen immer wieder vergegenwärtigen. Darum wünscht er sich, dass die Sammlung der Stellungnahmen in möglichst vielen Redaktionsräumen zirkuliert.
1994 war übrigens ein Jahr des doppelten Neubeginns für den Presserat: Einerseits tagte er nun in drei Kammern, was den Arbeitsablauf beschleunigte und die Qualität der Entscheide verbesserte. Anderseits wechselte ein Drittel seiner Mitglieder, was zu einer Verjüngung und zu einer markanten Erhöhung des Frauenanteils führte. Mit dem Wechsel verbunden war auch die Neuwahl der beiden Vizepräsidenten (die zugleich je eine Kammer präsidieren): Anstelle der ausgeschiedenen Michel Perrin und Martin Edlin (der Präsident des SVJ wurde) übernahmen François Gross und Reinhard Eyer die wichtigen Funktionen.
Roger Blum, Präsident des Presserates
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